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Fachtagung 2021

Qualitätssicherung, Evaluation, Inklusion – Aktuelle Herausforderungen für die politische Bildung

7. Oktober 2021 an der Fridtjof-Nansen-Akademie für politische Bildung im Weiterbildungszentrum Ingelheim

Vollständiger Bericht als pdf

Die Vorstandsmitglieder Birgit Ackermeier, Beate Rosenzweig und Karsten Lucke (v.r.n.l.)

Auf der dritten Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft der Ost-West-Institute im Weiterbildungszentrum Ingelheim stand insbesondere das seit 2021 selbst gesetzte Schwerpunktthema Inklusion als Herausforderung für die politische Bildungsarbeit im Fokus. Eine lebendige Demokratie ist darauf angewiesen, dass möglichst viele Bürger*innen die Möglichkeit ergreifen, sich in Diskussions- und Entscheidungsprozesse einzubringen. Voraussetzung dafür ist zum einen, dass die Möglichkeiten demokratischer Mitgestaltung adäquat vermittelt werden und zum anderen, dass die Bürger*innen sich selbst als politisch handelnde Person erleben. Entsprechend wurde auf der Fachtagung der Frage nachgegangen, wie politische Bildung so gestaltet werden kann, dass möglichst niemand von Bildungsangeboten ausgeschlossen wird, bzw. welche speziellen Angebote für bislang von politischer Bildung weitgehend exkludierte Gruppen konzipiert werden können. Einem weiten Verständnis von Inklusion folgend, kann sich dieser Ansatz sowohl auf Menschen mit Beeinträchtigungen, als auch auf bildungsbenachteiligte Gruppen im Allgemeinen beziehen.

Ramona Kemper, Referentin für politische Bildung, FNA

Nach der Begrüßung und Eröffnung der Tagung durch die Vorsitzende der AG OWI Hon.-Prof’in Dr. Beate Rosenzweig und den Geschäftsführer der gastgebenden Fridtjof-Nansen-Akademie Dr. Florian Pfeil startete die Fachtagung mit einem Vortrag von Ramona Kemper, Referentin für politische Bildung an der FNA, zu zentralen theoretischen und praktischen Fragen inklusiver politischer Bildungsarbeit. Dabei ging es in einem ersten Schritt darum, den Begriff der Inklusion gemeinsam genauer zu fassen, um anschließend zu reflektieren, wie inklusiv politische Bildungsarbeit heute ist, und welche Verbesserungspotenziale sich identifizieren lassen.In der Öffentlichkeit aktuell besonders verbreitet ist ein Modell, das Inklusion als Gegenpart zu Exklusion und als Weiterentwicklung von Integration beschreibt. Im Dialog zwischen den Refe-rierenden und Teilnehmenden wurden im Rahmen des Vortrags unterschiedliche Vor-stellungen, Modelle und Definitionen des Begriffs Inklusion problematisiert und kritisch diskutiert. Frau Kemper sprach sich in ihrem Vortrag für einen breiten, kontextabhängigen Inklusionsbegriff im Sinne von Diskriminierungsfreiheit aus, während andere Teilnehmende vor einer Verwässerung des Begriffs durch eine zu weite Definition warnten. Diskutiert wurde ebenfalls ein Problem, das in der Literatur als Ressourcen-Dekategorisierungsdilemma beschrieben wird. Dieses Dilemma beschreibt die Schwierigkeit, zielgenaue Angebote für bestimmte vulnerable Gruppen zu entwickeln, ohne diese Gruppen durch die Kategorisierung und Etikettierung bereits zu diskriminieren. Einigkeit bestand darüber, dass auch politische Bildungsarbeit vom Ziel der Diskriminierungsfreiheit noch weit entfernt ist und die eigene Arbeit diesbezüglich immer wieder neu hinterfragt werden muss.In der Öffentlichkeit aktuell besonders verbreitet ist ein Modell, das Inklusion als Gegenpart zu Exklusion und als Weiterentwicklung von Integration beschreibt. Im Dialog zwischen den Refe-rierenden und Teilnehmenden wurden im Rahmen des Vortrags unterschiedliche Vor-stellungen, Modelle und Definitionen des Begriffs Inklusion problematisiert und kritisch diskutiert. Frau Kemper sprach sich in ihrem Vortrag für einen breiten, kontextabhängigen Inklusionsbegriff im Sinne von Diskriminierungsfreiheit aus, während andere Teilnehmende vor einer Verwässerung des Begriffs durch eine zu weite Definition warnten. Diskutiert wurde ebenfalls ein Problem, das in der Literatur als Ressourcen-Dekategorisierungsdilemma beschrieben wird. Dieses Dilemma beschreibt die Schwierigkeit, zielgenaue Angebote für bestimmte vulnerable Gruppen zu entwickeln, ohne diese Gruppen durch die Kategorisierung und Etikettierung bereits zu diskriminieren. Einigkeit bestand darüber, dass auch politische Bildungsarbeit vom Ziel der Diskriminierungsfreiheit noch weit entfernt ist und die eigene Arbeit diesbezüglich immer wieder neu hinterfragt werden muss.

Florian Süß, Medienpädagoge an der FNA

Der nächste Beitrag von Florian Süß, Medienpädagoge am WBZ, befasste sich mit der Frage, welche Chancen Digitalisierung für eine inklusivere politische Bildungsarbeit bietet. In diesem Zusammenhang betonte Herr Süß die Potenziale digitaler Medien und Tools insbesondere für die Herstellung von Chancengleichheit. So stellte er den Teilnehmenden einige digitale Hilfsmittel und Tools vor, die beispielsweise Menschen mit Beeinträchtigungen visuelle, auditive oder motorische Hilfestellung geben können, um leichter an Bildungsangeboten partizipieren zu können. Als wichtig wurde in diesem Zusammenhang betonte, dass digitale Hilfsmittel wie Tablets die Möglichkeit böten, sehr individuelle Unterstützung zu leisten, ohne dabei durch die Bereitstellung sichtbarer Hilfsmittel bestimmte Personen in einer Gruppe als besonders hilfsbedürftig hervorzuheben. Diskutiert wurden aber nicht nur Chancen der Digitalisierung, sondern auch die Gefahr, durch den Einsatz digitaler Tools Ungleichheiten zu reproduzieren und zu verstärken. So könnten durch die hohen Kosten von Endgeräten oder durch einen unterschiedlichen technischen Wissensstand wiederum Menschen abgehängt oder von Bildungsangeboten ausgeschlossen werden.

Im zweiten Teil der Fachtagung standen konkrete Praxisbeispiele inklusiver politischer Bildung im Vordergrund. Zunächst berichtete Thomas Landini, Referent der landesweiten Service- und Beratungsstelle „Inklusion in der Weiterbildung“, von verschiedenen inklusiven Bildungsangeboten der Fridtjof-Nansen-Akademie wie inklusiven Exkursionen oder Seminarveranstaltungen in einfacher Sprache.Darunter ist beispielsweise auch das 2018 gestartete Projekt „Ich bin Politik“.

Praxisbeispiele inklusiver politischer Bildungsangebote der FNA

Ziel des Angebots ist es, Menschen mit Beeinträchtigungen stärker als bisher in politische Prozesse einzubeziehen und ihnen eine Stimme zu geben. Spätestens seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das Menschen in Vollbetreuung nach jahrelangem Kampf das Wahlrecht zusicherte, ist klar, dass das bislang spärliche Angebot politischer Bildung in diesem Bereich einer deutlichen Erweiterung bedarf. Nach dem Motto „Mit uns, nicht ohne uns“ wird in dem Programm über politische Rechte und Einflussmöglichkeiten aufgeklärt und auch das direkte Gespräch mit Politiker*innen gesucht. Gerade diese Begegnung ist ein wichtiger Teil des Projekts, denn durch den Austausch erfahren nicht nur die Teilnehmenden neues über politische Prozesse, auch die Politiker*innen bekommen einen Einblick in die Lebensrealitäten, Sorgen und Wünsche der Workshopteilnehmer*innen.

Marco Rockert, Trainer und Coach, Casco

Die Ausführung von Herrn Landini wurden im Anschluss durch ein Teammitglied dieser Initiative ergänzt. Marco Rockert, Coach bei Casco, warb in seinem Vortrag dafür sich auf Perspektivwechsel einzulassen und die Stärken und Potenziale von Menschen mit Beeinträchtigungen stärker zu fördern. Sein persönlicher Lebensweg und seine aktuelle Tätigkeit am WBZ, als Referent bei Casco und als selbstständiger Coach für Motivationstrainings, Achtsamkeit und Kommunikation seien ein gutes Beispiel dafür, dass auch Menschen mit Beeinträchtigungen der Gesellschaft besonderes Wissen zurückgeben können, wenn sie die Gelegenheit dazu bekommen

Florian Kotscha, stellvertretender Geschäftsführer der Karl-Arnold-Stiftung

Weitere Praxisbeispiele inklusiver politischer Bildung stellte Florian Kotscha, stellvertretender Geschäftsführer der Karl-Arnold-Stiftung, vor. Die Karl-Arnold-Stiftung engagiert sich seit geraumer Zeit verstärkt in Form aufsuchender politischer Bildung, da bestimmte Personengruppen, wie strukturell benachteiligte Menschen aus großstädtischen Sozialräumen oder Menschen mit Migrationsgeschichte, von herkömmlichen Angeboten politischer Bildung nur sehr selten erreicht würden. Zu Beginn des Vortrages wurde diskutiert, inwiefern sich die aufsuchende politische Bildungsarbeit, die nah an der Lebenswelt der jeweiligen Zielgruppen ansetzt, von klassischer Sozialarbeit bzw. Quartiersmanagement abgrenzen lässt. In der Diskussion wurde klar, dass diese Grenzen, trotz einiger Unterschiede, in der Praxis oftmals fließend sind. In jedem Fall kann aufsuchende politische Bildungsarbeit einen ersten Anknüpfungspunkt auch für weiterführende Bildungsangebote darstellen. Die im Anschluss vorgestellten Praxisbeispiele der aufsuchenden Bildungsarbeit verdeutlichten die Bedeutung der Kooperation mit Organisationen, Vereinen und Einzelpersonen, die bereits eng mit den jeweiligen Zielgruppen arbeiten. So wurde beispielsweise für das vorgestellte Projekt der Demokratiewerkstatt im Kölner Stadtbezirk Chorweiler mit Künstler*innen aus der Graffiti- und Hip-Hop-Szene zusammengearbeitet und auch langfristige Kooperationsrahmen geschaffen.

Praxisbeispiele inklusiver politischer Bildungsangebote der Karl-Arnold-Stiftung

Thomas Landini im media.lab des WZB Ingelheim

Zum Abschluss der Fachtagung stellten Thomas Landini und Florian Süß den Teilnehmenden das am WBZ neu eingerichtete media.lab vor, das neben einem professionell eingerichteten Studio für Filmaufnahmen auch einen Raum umfasst, in dem sich Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen mit einer Vielzahl von technischen und analogen Hilfsmitteln auf spielerische Weise selbst weiterbilden, und ihre kognitiven und motorischen Fähigkeiten schulen können.

Das Thema Inklusion wird die Ost-West-Institute auch im kommenden Jahr 2022 als Schwerpunktthema begleiten. Geplant sind unter anderem verbandsinterne Fachtagungen im Bereich „Menschen und Beeinträchtigungen“ und „Alltagsdiskriminierung“. Weiterhin können die einzelnen Mitgliedseinrichtungen auf den neu eingerichteten Innovationsfonds der AG OWI zurückgreifen, um inklusive politische Bildungsangebote zu konzipieren und durchzuführen.

 

Die Teilnehmenden der Fachtagung probieren sich an den Lernhilfen im media.lab

 

Weitere Eindrücke von der Fachtagung