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Fachtagung 2019

Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft der Ost-West-Institute e.V.

  1. – 17. Mai 2019 im Studienhaus Wiesneck, Institut für Politische Bildung, Baden-Württemberg e.V.

Neue Welt(un-)ordnung – Russland in der internationalen Politik

Auf der zweiten gemeinsamen Fachtagung der AG OWI im Studienhaus Wiesneck standen die aktuellen Entwicklungen, Machtverschiebungen und Umbrüche in der internationalen Politik im Zentrum. Bereits mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes und dem Zerfall der Sowjetunion hat sich das Machtgefüge in den internationalen Beziehungen gravierend verändert. Aktuell zeichnet sich eine neue tiefgreifende Veränderung ab, da sich die USA sich derzeit zunehmend aus ihrer Rolle eines weltpolitischen Hegemon zurückziehen, während Russland unter Vladimir Putin eine neue Rolle als weltpolitische Großmacht anstrebt. Neue Weltmächte, wie China und Indien, stellen zudem die internationale Politik vor neue politische Herausforderungen. Dabei ist noch völlig unklar, wie ein neues internationales Machtgefüge aussehen kann. Stehen wir vor dem Ende des bestehenden Multilateralismus und am Beginn einer neuen Ära der Geopolitik wiedererstarkenden bzw. neuer Großmächte, die eine multipolare Weltordnung zur Folge haben? Diese Fragen haben wir im Rahmen unserer Fachtagung insbesondere aus europäischer Perspektive und im Hinblick auf die Thematisierung dieser Entwicklungen in Angeboten der politischen Jugendbildung diskutiert.

Wir freuen uns ganz besonders darüber, dass wir neben zwei weiteren Experten zur Tagungsthematik den ehemaligen Staatsminister im Auswärtigen Amt, Russland-Beauftragten der Bundesregierung sowie Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die OSZE, Herrn Dr. h. c. Gernot Erler, am Abend des ersten Tages für einen Fachvortrag zum Thema Weltordnung ohne den Westen? Europa zwischen Russland, China und Amerika gewinnen konnten.

Herr Dr. Erler stand dem Publikum nach seinem Vortrag noch für zahlreiche Rückfragen und eine ausgiebige Diskussion zur Verfügung (s. Seite 4).

Nach der Eröffnung der Tagung und der Begrüßung durch Dr. Beate Rosenzweig, Vorsitzende der AG OWI legte Prof. Dr. Christian von Lübke (HTWG Konstanz) den Fokus vorerst auf den wachsenden Einfluss Chinas und die Entwicklungen im asiatischen Raum. Nach einer ausführlichen Analyse verschiedener Machttypologien gemäß unterschiedlicher Ansätze den internationalen Beziehungen wurde diskutiert, welche Machtarten und damit verbundene Handlungsstrategien sich in den aktuellen Entwicklungen wiederfinden lassen und wie diese aus einer europäischen Sicht zu bewerten sind.

Durch die theoretische Einführung in verschiedene Typologien internationaler Beziehungen gelang es den Blick für die aktuellen Entwicklungen zu schärfen und am Beispiel China die veränderten Machtkonstellationen und neuen Handlungsstrategien zu analysieren.

 

Besonders kritisch wurde dabei der neuerliche Bedeutungsgewinn von militärischer Macht, aber auch von ausgeprägten ökonomischen Machtungleichgewichten und -konkurrenzen diskutiert. Dabei stand auch die Frage nach den möglichen Gegenstrategien, die auf Kooperation, Mulitlateralismus und  Demokratisierung setzen, im Zentrum der Diskussion.

Der Blick auf den asiatischen Raum wurde im zweiten Vortrag durch einen stärkeren Fokus auf Russland ergänzt. In seinem Vortrag griff Staatsminister a.D. Dr. Gernot Erler  die aktuellen wissenschaftlichen Thesen zur Krise des Multilateralismus auf und analysierte die aktuellen weltpolitischen Umbrüche aus der Perspektive praktischer Politik. Gernot Erler konnte hier durch seine langjährige politische Erfahrung, u.a. als Russlandbeauftragter der Bundesregierung, weitreichende politische Einblicke und Einschätzungen eröffnen und damit ein vertieftes Verständnis für Ursachen und Wirkungsfaktoren der aktuellen Entwicklungen und auch der Spannungen im Verhältnis zu Russland erzielen. Kritisch betrachtete er die aktuelle politische Eskalationsspirale im europäisch-russischen Verhältnis, durch welche die sicherheitspolitische Lage negativ beeinflusst werde. Erler plädierte für eine Politik der gegenseitigen Annäherung, um langfristig ein friedliches Miteinander zu garantieren. In der anschließenden Diskussion wurde dabei auch der zentrale Beitrag von internationalen (Jugend-)Austausch- und Begegnungsprogrammen betont, die einen Einblick in verschiedene Lebensweisen und Einschätzungen geben und damit ein gegenseitiges Verständnis befördern können.

 

 

 

 

 

 

 

In seinem anschließenden Vortrag griff Dr. Gerhard Schüsselbauer (Gesamteuropäisches Studienwerk e.V., Vlotho) den regionalen Fokus auf Russland und China auf und zeigte aus einer vergleichenden Perspektive die globalen ökonomischen Verflechtungen. Am Beispiel der „neuen Seidenstraße“ analysierte er die Ziele der chinesischen Außenhandelspolitik. Ausgehend von der Einschätzung, dass es der EU auch beim Umbruch der Weltordnung am Ende der bipolaren Ordnung gelungen sei, ihren Platz in der Weltordnung zu behaupten und die europäische Integration weiter zu verfolgen, wurden hier auch verstärkt die Chancen bei einem Wandel zu einer multipolaren Weltordnung thematisiert. Dabei stand auch im Fokus, welche zentralen Herausforderungen Russland und China meistern müssen, um längerfristig ihre Machtposition auszubauen. Kritisch betrachtet wurden v.a. die aus europäischer Sicht unbefriedigende Lage der Demokratie und der Menschenrechte in den beiden Staaten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese Aspekte der Demokratie und Menschenrechte waren dann auch Hauptgegenstand der abschließenden Diskussion, bei der die mögliche Vorreiterrolle der EU kritisch reflektiert wurde. Das nach wie vor bestehende Demokratiedefizit, die Entwicklung rechtspopulistischer Parteien sowie die Frage nach gemeinsamen Sozialstandards standen dabei im Zentrum. Im Hinblick auf Angebote der politischen Jugendbildung wurde festgestellt, dass es hier eines offenen und selbstkritischen Umgangs bedarf, um Jugendliche von der „Idee Europa“ überzeugen zu können und damit auch an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Bei aller (berechtigten) Kritik an der EU ist und bleibt eine europäische Integration ein lohnendes Projekt, das es aktiv mitzugestalten gilt. Denn ein starkes, demokratisches und soziales Europa – so die Hoffnung – kann auch eine eben solche Position in der Weltordnung übernehmen und so zu einer gerechteren und friedlichen Welt beitragen.

Im letzten Teil der Fachtagung wurden der innverbandliche Austausch und die Vernetzung innerhalb der AGOWI weiter vertieft. Hierbei ging es um den fachlichen und methodisch-didaktischen Austausch über unsere europapolitischen Jugendbildungsangebote. Gemeinsam steht die AG OWI für ein breites Angebot an Seminarangeboten und Begegnungsseminaren, bei dem nicht nur die Kenntnis über die Grundlagen und die aktuellen Herausforderungen der Europäischen Union vertieft werden, sondern auch über europäische Werte und die Zukunft Europas in einer neuen multipolaren Weltordnung eingehend diskutiert werden kann. Das gemeinsame Ziel ist es hierbei die aktive politische Auseinandersetzung der jugendlichen Teilnehmenden zu fördern und zu einer begründeten Meinungs-und Urteilsbildung sowie politischer Partizipation zu befähigen.